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Von Sanna Nitch
Zwei Tage nach dem Vorfall, als die Ärztin ihr versichert, dass Jule überlebt, fährt Tanja in den Park und sucht Jules Zahn. Sie parkt im Halteverbot und schließt nicht ab.
Obwohl Tanja nicht genau weiß, wo es passiert ist, beginnt sie sofort im Gras nach Jules Zahn zu suchen. Sechs Stunden verbringt sie mit den Knien auf der feuchtkalten Wiese. Ab und zu kommt ein Hund vorbei und beschnüffelt sie neugierig, einer versucht überzeugt, sie zu besteigen. Seine Besitzerin eilt schreiend zu Hilfe und zerrt ihn fort. Fünf Passanten fragen Tanja, was sie da tue. „Ich suche einen Zahn“, antwortet sie, und den meisten scheint diese Antwort zu genügen. Sie wenden sich ab und gehen weiter. Einzig eine alte Dame bleibt stehen. Von oben hält auch sie eine Weile Ausschau nach dem kleinen Stück. „Wessen Zahn?“, fragt sie schließlich, und da blickt Tanja zum ersten Mal auf. Sie hat dunkle Ringe unter den Augen von zuwenig Schlaf. „Den Zahn meiner Freundin“, antwortet sie. „Sie ist hier vor zwei Tagen vergewaltigt worden.“ Die Dame grübelt eine Weile und lässt dabei weiter ihren Blick über den Boden schweifen. „Wozu brauchen Sie ihren Zahn?“, fragt sie schließlich. Tanja zögert. „Ich will einen Baum pflanzen“, antwortet sie, und da nickt die Alte verständig und spaziert weiter. Als Tanja den Zahn schließlich findet, steckt er aufrecht in der Erde. Es klebt noch ein wenig Blut daran. Die Idee mit dem Baum gefällt ihr. Sie zieht ein Päckchen Zigaretten aus der Hosentasche und leert es auf den Rasen. Dann füllt sie es mit Erde und pflanzt behutsam Jules Zahn hinein. Das Auto steht noch, an der Windschutzscheibe klebt ein Strafzettel. Tanja wirft ihn auf den Boden und steigt ein. Sie fährt schnell, sie kann es kaum abwarten, Jule den Zahn zu bringen. Erst nachdem sie Jule den Zahn gezeigt hat, sieht Tanja die grünen Flecken an ihren Knien. Und die schwarzen Ränder unter ihren Nägeln. „Geh schlafen!“, sagt Jule, und Tanja gehorcht. Auf dem Weg nach Hause kauft sie einen Blumentopf und Erde. Bevor sie sich hinlegt, pflanzt sie den Zahn um. Im Bad findet Tanja Magnesium. Sie löst es auf und gießt damit die dunkle Erde. Tanja träumt, dass dem Zahn Wurzeln wachsen. Sie wachsen schnell, und bald haben sie den kleinen Topf gesprengt. Sie wachsen bis zum Boden und über den Boden auf ihr Bett zu. Dann schlängeln sie sich an den hölzernen Beinen hinauf und legen sich schließlich um ihren Hals. Als Tanja aufwacht, ist sie schweißgebadet. In dem Topf hat sich nichts getan. Tanja kommt jeden Tag ins Krankenhaus. Sie ist der einzige. Jule ruft niemanden an. Meistens liegt sie stumm auf ihrem Bett und starrt an die Decke. Manchmal fragt sie nach dem Zahn. „Noch nichts“, sagt Tanja dann. „Aber das wird.“ „Wir schaffen das“, flüstert sie, wenn die Stille schmerzt. „Es gibt kein wir mehr“, antwortet Jule mit dumpfer Stimme. Als sie entlassen wird, fährt Tanja sie nach Hause. Sie hält Abstand. Ihren Arm hat sie einladend angewinkelt. Aber Jule nimmt Tanjas Angebot nicht an. Sie geht schwankend. An der Treppe greift sie nach dem Geländer und zieht sich mühevoll bis in den vierten Stock. Sie keucht und braucht immer wieder Pausen. Oben angekommen lächelt sie stolz und zum ersten Mal warm. „Du bist nicht schuld“, flüstert sie. Tanjas Herz hüpft vor Freude. Jules Anrufbeantworter blinkt. Jule schaltet ihn aus, ohne die Nachrichten abzuhören. Sie zieht das Telefonkabel aus der Büchse und lässt die Rollläden herunter. Tanja schmeißt das alte Gemüse in den Müll und füllt den Kühlschrank mit ihren Einkäufen. Auf der Fensterbank platziert sie sorgfältig den Zahn. Die Flasche mit Magnesium stellt sie daneben. „Soll ich bleiben?“, fragt sie, und Jule schüttelt den Kopf. Aber Tanja hat Angst zu gehen. Sie will den Zahn nicht alleine lassen. Also holt sie Schlafsack und Isomatte aus dem Auto und legt sich vor Jules Tür. Tanja platziert ihre Matte an der Außenseite der Küche. Durch die dünne Wand kann sie Jules Schritte hören. Es sind nicht viele. Weil Jule ganz oben wohnt, hat Tanja keine Angst, von den Nachbarn entdeckt zu werden. In ihrem Traum treibt der Zahn endlich aus. Ein glatter weißer Stamm entsteht, und winzige, knöchrige Äste zweigen von ihm ab. Seine Früchte sind starke, helle Zähne. Tanja pflückt einen und reicht ihn Jule, nur passt der Zahn nicht in ihren Mund. Sie versucht es mit einem anderen, aber auch der ist zu groß. Immer wieder pflückt sie glänzende, weiße Zähne, und keiner will Jule passen. Tanja erwacht von ihrem eigenen Schrei. Auch Jule hört sie und entdeckt Tanjas Lager. Sie rauft sich die Haare. „Das geht zu weit“, schreit sie. Zum ersten Mal seit dem Vorfall ist da Wut. „Ich kann das nicht mehr.“ Sie sitzen sich gegenüber. Jule hat den Kopf in ihre Hände gelegt. „Es ist nicht deine Schuld“, sagt sie ernst und eindringlich. „Und nicht meine Aufgabe, dir das klar zu machen.“ Das weiß Tanja. Sie will ja auch nur, dass die Bilder aus ihrem Kopf verschwinden: Jule, wie sie Tanja mit ernstem Gesicht erklärt, es sei vorbei. Jule von hinten, wie sie in der Nacht verschwindet. Ohne Abschied. Ohne „Pass auf dich auf!“. Und Tanja zu Hause, alleine, wie sie im Schmerz ertrinkt und Jule nichts Gutes wünscht. Während Jule durch den Park nach Hause läuft... Tanja weint. „Das geht nicht“, schluchzt Jule. „Ich kann das nicht.“ Und so sitzen sie eine Weile, zerbrochen, zwei Häuflein Scherben, die sich nicht kitten können. Als Tanja endlich aufsteht, fällt ihr Blick auf den Blumentopf. „Sieh nur!“, ruft sie. Aus der feuchten, dunklen Erde ragt etwas hervor. Ein winziger Stil, weiß und mit glatter Oberfläche. Er glänzt und spiegelt sanft die Sonne, die durch die Ritzen der Rollläden dringt. |