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Samstag, 10. Mai 2008
 
 
Die Nichtschwimmerin Drucken E-Mail
Geschrieben von Nike   
Dienstag, 31. Juli 2007

Lesben-AwardVon Nike

An dem Tag im Cafe sah man nichts. Draußen peitschte der Regen gegen die Scheiben und ließ keinen weiten Blick zu. Der Platz war in dichtes Nass gehüllt. Man konnte gerade den Brunnen erkennen, über den jetzt durch den Regen wieder Wasser floss, denn eigentlich hatten sie ihn abgestellt um diese Jahreszeit.

Vor dem Fenster liefen kleine Bäche strömend in die Abwasserkanäle. Und im Cafe war ein so feuchter Dunst, dass die Scheiben langsam beschlugen. Ich war nicht die Einzige, die sich hierhin gerettet hatte, trotzdem hatte ich noch einen freien Tisch ergattert.
Ich bestellte einen Milchkaffee und wartete. Etwas unangenehm war das, weil meine Sachen nass waren. Und an Nichts denken wollte ich, an Nichts denken. Ich machte mir ein Spiel daraus, die Wassertropfen an der Fensterscheibe zu verfolgen. Dann rieb ich ein kleines Loch in das von Feuchtigkeit milchige Glas, um zu sehen, was draußen vor sich ging. Der Regen schien langsam nachzulassen, aber noch nicht genug, um aufzubrechen.
Wie ich so über dem Tisch hockte und mein Gesicht an das Fenster drückte, sah ich sie plötzlich. Vielleicht war sie vorher schon da und ich konnte sie jetzt erst sehen, weil der Regen nachgelassen hatte, oder sie war schon die ganze Zeit da. Ich wusste es nicht. Für mich war sie plötzlich da, wie aus dem Boden gewachsen. Sie bewegte sich zielstrebig, aber nicht schnell über den Platz. Ich erkannte struppiges Haar und Gummistiefel, rote Gummistiefel, wie ich sie als Kind hatte. Vor dem Brunnen blieb sie stehen, und dann sprang sie hinauf, so als mache sie das öfter. Eine Leichtigkeit, die mich erstaunte. Ich dachte, dass sie doch ausrutschen müsste, der Brunnen war aus Metal, und da rutscht man doch. Aber das passierte nicht.
Mit einem Mal hatte ich es eilig hinaus zu kommen. Ich weiß nicht genau, so eine Art Déjá-vu war das. Eine Sekunde und dann war es vorbei. Ich packte meine Jacke und rannte hinaus, diesem Gefühl hinterher. Dort spürte ich die Nässe auf meinem Gesicht, und ich überlegte wieder hinein zu gehen.
Dennoch blieb ich in der Nähe des Brunnens stehen und sah ihr zu, wie sie von Plattform zu Plattform sprang und Wasser aufwirbelte. Sie ließ sich durch mich nicht stören, blickte nicht einmal auf. Sprang weiter im Kreis herum, konzentriert. Das Wetter schien ihr nichts auszumachen.
Mir schon.
Ich wartete trotzdem. Es tropfte mir in den Kragen, und ich zog die Schultern hoch. Ich kam mir blöd vor, wie ich da im Regen stand, und gerade als ich mich abwenden wollte, sprang sie mit einem Satz herunter und spritzte mich voll. Ich stand da und guckte nur. Sie musterte mich nicht, sah mir geradewegs in die Augen und verunsicherte mich.
Wohin gehst du, fragte sie. Ihre Stimme war rau, anders als ich es erwartet hatte. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Also sagte ich gar nichts. Im Zweifelsfall schweige ich lieber.
Sie habe mich gesehen, sagte sie und wies auf das Cafe. Wie das möglich war, weiß ich nicht. Sie lachte, und ehe ich etwas erwidern konnte, ging sie weg, so zielstrebig, wie sie gekommen war. Ich blieb zurück, sah ihr hinterher, wie sie hüpfend den Platz überquerte. Mir gefiel ihre Art zu sprechen.
Ich stand noch eine Weile da, dann kehrte ich um, ging zurück ins Cafe, man hatte mich nicht bemerkt. Ich zahlte und ging nach Hause.
Zwei Tage nach dieser Begegnung, sah ich die Frau wieder. Ich arbeitete als Badeaufsicht im Schwimmbad und war gerade dabei, einem langhaarigen Mädchen zu erklären, dass sie eine Badekappe tragen müsse. Ich wollte es schon aufgeben, als ich mit einem Mal sie sah. Die Frau vom Platz. Die Brunnenfrau. Etwas Merkwürdiges ging in mir vor. Hatte ich gerade beschlossen das Mädchen gewähren zu lassen, biss ich mich nun daran fest, sie nicht ohne Badekappe weg zu lassen. Während wir diskutierten, beobachtete ich die Frau vom Brunnen aus den Augenwinkeln. Ich hatte gelernt, so alles zu überblicken, das brachte die Arbeit mit sich. Sie steuerte auf einen Liegestuhl zu und trug etwas in den Händen, eine Tasche vielleicht oder nur ein Handtuch.
Ich hatte sie hier noch nie gesehen.
Wieder beschlich mich dieses komische Gefühl, wie im Cafe, aber es war etwas Neues dabei. Neugier und Aufregung.
Ich beobachtete sie auf die bewährte Weise. Sie tat nichts, lag einfach da, sah aufs Wasser, glaube ich. Ging aber kein einziges Mal schwimmen.
Ich begann meine Runde zu machen und merkte, dass auch sie mich nicht ansah. Vielleicht war sie es nicht. Doch sie musste es sein.
Ich beschloss, sie anzusprechen und ging auf sie zu. In dem Moment erhob sie sich, stellte sich an den Beckenrand und starrte in das Türkis des Wassers. Wenn ich mich später daran erinnerte, sah ich in Zeitlupe ablaufen, wie sie ins Wasser fiel. Und ich glaube immer noch, dass sie fiel und nicht absichtlich hineinsprang. Ihr Blick näherte sich dem Wasser, ihr Körper stand aufrecht, und so fiel sie auch, gerade wie eine Säule. Als sie wieder hoch kam, ruderte sie mit den Armen, tauchte unter und wieder auf, spuckte. Ich begriff, dass sie nicht schwimmen konnte, und sah ungläubig, wie sie im Wasser strampelte. Noch einen Augenblick, und ich sprang ins Wasser. Das war das erste Mal, dass ich jemanden rettete.
Als wir beide draußen waren und sie sich erholt hatte, sagte sie: Eine Schieflage, weiter nichts.
Ich sah sie an. Eine feine Narbe durchzog ihre linke Augenbraue. Auf ihrem Platz lag ein gelber Regenmantel. Das berührte mich, und zugleich verwirrte es mich. Und du kannst nicht schwimmen, fragte ich.
Nein, sagte sie, und das klang ganz selbstverständlich. Es ist das Wasser. Ozeangefühle, sonst nichts. Und dann stand sie auf, als wolle sie wieder zielstrebig davon gehen, und ich wollte sie aufhalten, ich hätte sie aufgehalten, aber sie beugte sich vor und küsste mich.
Später habe ich gesagt: Das war ein Meerkuss. Nein. Chlorkuss, sagte sie.

 

 
 
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