| Die Semmelnegerin |
|
|
| Geschrieben von Petra Paul | |
| Dienstag, 31. Juli 2007 | |
|
Liebes Fräulein Götz... - Wie wenig diese Anrede dahin passt, wo ich Sie nach exakt dreißig Jahren wieder gefunden habe: auf einem Internetportal. Ich bin zusammengezuckt, als ich Sie auf dem Klassenfoto entdeckte, obwohl ich Sie ja nicht nur erwartet, sondern mir erhofft hatte. Wie wenig Übereinstimmung mit dem Bild, das jahrzehntelang vor meinem geistigen Auge schwebte. Ihr Blick, wenn auch leicht schielend, ist der einzige, der mich während meiner Schulzeit wahrgenommen hat. Ich sitze neben Ihnen, eine verschüchterte Achtjährige mit Herzflicken an den Knien neben der grossen Lehrerin in Röhrchenjeans. Der Beruf meines Vaters erforderte es, dass wir in meiner Kindheit mehrmals umzogen. So kam ich zu spät in Ihre Klasse und verließ sie zu früh wieder. Als Kind schon überall auf der Durchreise. Ich erinnere, wie ich mit meiner Mutter vor dem verschlossenen Klassenzimmer wartete. Meine künftigen Klassenkameraden schemenhaft, die anderen Klassen bereits hinter ihren Türen verschwunden. Dann: ein Raum einnehmender Schritt, das Hallen auftretender Stiefelabsätze im Flur, ein im Rhythmus Ihres langen nussbraunen Haars wehender Lodenmantel – „da kommt Fräulein Götz“, raunte eine Kinderstimme. Freundlich musterten Sie mich durch Ihre Nickelbrille, während Sie die Zimmertür aufsperrten und die Kinder vorbeischießen ließen, die sich sofort auf ihre Plätze verteilten. Ich ließ die Hand meiner Mutter los und hätte gern die Ihre ergriffen. Sie stellten mich der Klasse vor und erklärten meine Herkunft, die mir selber genauso fremd war wie Ihnen allen. „Ist das eine Negerin?“ fragte ein Mädchen, und Sie antworteten, ernst lächelnd: „Nein, eine Semmelnegerin. Ihre Mutter ist Schweizerin“. Ich war dankbar um Ihre Identitätszuweisung und fügte mich darin. Als Semi-Negerin (war dies das Wort, das Sie damals tatsächlich benutzt haben?) war ich immerhin noch ein bisschen weiß. Ähnlich einer angekohlten Semmel, von der man bloß die Oberfläche abschaben muss, um sie doch noch genießbar zu machen. Fräulein Götz. Auf dem digitalisierten Klassenfoto sind Sie weit jünger als ich es heute bin, doch mein Empfinden ist noch immer das des Kindes, das Sie als reife Erwachsene sieht. Wenn Sie überhaupt ein Bild von mir behalten haben (Sie haben ja so viele SchülerInnen), dann das des Kindes, das ich war. Könnten Sie mit mir als Erwachsener etwas anfangen? Ich würde Sie auf der Straße nicht erkennen. Ich würde meine Arme noch immer verschränken (wie Sie es damals von uns verlangten, damit wir aufmerksam seien und nicht an etwas herumfingerten) und an Ihren Lippen hängen. Doch inzwischen können mein Mund und meine Hände selber reden. Sie lehrten mich lesen und schreiben; wären Sie empfänglich für meine heutige Geschichte? Wie merkwürdig sich die Generationen zueinander verhalten: unverrückbar steht die Zeit zwischen uns. Eltern spiegeln ihre Kinder ernüchternd wenig, weil sie ständig das Beste für sie wollen. Können Sie mich spiegeln, Ihre einstige Semmelnegerin? Ich bin verliebt. Im Telefonverzeichnis fand ich Sie tatsächlich unter Ihrem Namen, ein Griff zum Telefonhörer, und ich hätte einen Draht zu Ihnen. Hat keine Ehe Sie je Ihrer Identität beraubt, oder haben Sie sich Ihren so genannten Mädchennamen zurück erschieden? Oder sind Sie tatsächlich eine Lesbe? Waren es schon damals? War das Oberteil, das Sie Mitte der 1970er Jahre zu Ihren Röhrchenjeans trugen, feministisch oder lesbisch lila? Ich weiss es nicht mehr, ergänze es aber gern. Mehr als dürftig sind die Hinweise, aus der ich mir Ihre Vergangenheit zusammen reime. Haben Sie sich, nachdem ich Sie damals verlassen musste, je gefragt, was aus dem Kind werden könnte? Haben Sie eine Zukunft für Ihre Semmelnegerin erspekuliert, oder verwischen die zahllosen Möglichkeiten einer Schulklasse zur Beliebigkeit? Kann man bei einer Achtjährigen bereits ein lesbisches Potenzial erahnen? Sahen Sie voraus, dass es zu meiner Zeit einfacher sein würde, sich zu (be)kennen? Und: Warum soll heute meine Zeit sein und nicht genauso gut Ihre, da wir ja beide am Leben sind? Das 30 Jahre alte Klassenfoto taugt nicht als Fahndungsbild. Was will ich überhaupt von Ihnen? - Ihnen sagen, dass ich verliebt bin. Sie sind nicht der Ursprung für meine Liebe zu den Frauen, aber vielleicht deren erste Manifestation. Ich habe Ihr Gesicht später in vielen Frauen wieder gefunden. Manchmal denke ich an Sie, während ich mit einer Frau zusammen bin. Genau wie man heute im Beisein von Freunden mit anderen Freunden über Handy kommuniziert, als seien die Abwesenden immer interessanter als die Anwesenden. Wie ein Löschblatt halte ich die Erinnerung an Sie auf mein Leben; dadurch wird manches weniger grell, und Schönheitsfehlern wird später mit Tintenkiller zu Leibe gerückt. Ich habe einen ausladenden, Besitz ergreifenden Körper. Das Begehren der Männer darauf war so vermessen wie absurd, denn sie trafen auf kein bewohntes Haus. Ich war noch immer die Semmel, deren Herkunft sich nicht erkennen lässt in der Hautfarbe eines Elternteils oder den Zügen eines Geschlechts, obwohl beides an mir Spuren hinterlässt wie eine Faust auf dem Auge. Ich erlerne und vergesse mich schnell, ich lösche mich von innen aus und baue nur mit Sand, um die ständig neuen Dellen in meinem Äußeren fortlaufend auszubessern. Ich verschmelze durch Erinnerungen mit der Welt, um ihr zu entfliehen. Ich bewohne meinen Körper erst dann, wenn er nackt auf das Meer oder eine andere Frau zu rennt und Vereinigung findet. Ich wünschte mir, Sie in diesem neuen Kontext wieder zu treffen, ohne Abhängigkeit, um an Ihrem Blick zu sehen, dass es mir gut geht. Ich bin verliebt. Sie gaben mich weiter, nach einem knappen Jahr schon, doch ich habe mich nie von Ihrem Abschied erholt. Ich behalte Sie unter meiner dunklen Haut, als sei ich ein wenig durch Sie geboren. Ihre Geschichte könnte meine Geschichte sein. Mich Ihnen heute nähern heißt mich streifen. Ich hätte Sie gern gekannt, denn Sie sind nicht wie meine Mutter, für die ich Startschuss und Ziellinie zu sein scheine. Wenn meine Mutter mich nicht wahrhaben wollte, sagte sie, dass ich ihr Angst mache, und schloss die Augen. Sie hatte nicht die Kraft, für weitere Abweichungen ihres zu dunkelhäutigen Kindes einzustehen. Verstehen Sie die Tragweite, wenn ich Ihnen heute erzähle, dass ich verliebt bin? Teilen Sie Ihr Leben mit jemandem? Können Sie, im Gegensatz zu meiner Mutter, die Kraft einer lesbischen Bindung ab- und wertschätzen? Verstehen, dass die Liebe zu IHR meine losen Enden bündelt? Dass es uns an nichts fehlt, und dass unsere Bezugnahme aufeinander vollkommen ist? Wir sind vor allem und trotz allem, wir haben unseren Weg und gleichen niemandem. Wir sind so frei in dem, was wir uns herausgenommen haben, dass mich manchmal ein Schwindel erfasst. SIE federt mit ihrer Stimme alles ab, was mir an Stummheit entgegenschlägt. SIE sagt mir, was ich sonst nicht höre: Wie schön du bist! Du hast ein wenig zugenommen, nicht? Du hast mir gefehlt. SIE ist mein Du. Wir sind ein Paar, doch dieser hilflose Begriff beschreibt nicht hinlänglich, was uns verbindet. Wenn ich meine Augen schließe, macht SIE IHRE auf und schaut zu mir. SIE gibt mir das Gefühl, erwartet zu sein, noch während ich alleine bin, und das Alleinsein wird dadurch erregend. SIE filtert das Leben nicht für mich, SIE setzt mich ihm aus. Doch ich habe keine Angst mehr, weil SIE keine vor mir hat. Ich fehle mir nicht mehr selber, und es braucht keine übermenschlichen Kräfte mehr, um mich zu bergen. Der geografisch und geschlechtlich Verwaisten ist eine Heimat zuteil geworden. Ich habe mich in mich verliebt, seit ich SIE kenne. Mein Gesicht hat Spuren und Konturen bekommen, die ihm gut stehen. SIE trägt denselben Nachnamen wie Sie, Frau Götz. Und SIE hat eine Tante, die Grundschullehrerin ist. Eines Tages werde ich SIE darauf ansprechen, und dann werde ich Sie vielleicht wieder sehen, darauf bin ich jetzt schon gespannt. Bis dahin denke ich an Sie, wenn auch nicht mehr so oft.
|








