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Freitag, 9. Mai 2008
 
 
Ein bunter Schmetterling im Regen Drucken E-Mail
Geschrieben von Aislin Donovan   
Dienstag, 31. Juli 2007

Lesben-AwardVon Aislin Donovan

Der Herbstregen trommelt mit klitzkleinen Fäusten gegen die Fensterscheibe meines 3-Zimmer-Appartments. Die Kälte am Glas wandert als ein Gletscher an meinem Oberarm in Richtung Handgelenk, bis sie in meinen Händen dahinschmilzt.

Meine Finger, ineinander verwoben, halten einen Chai-Latte-Becher. Der Duft von Zimt schwebt mir in die Nase. Mein Lieblingsplatz, die gepolsterte Fensterbank im Wohnzimmer. Zuhause sein, fühlt es sich genau so an? In meinem Kopf startet das Gedankenkarussell. Ich kenne sie doch kaum, werfe mein Kopf leicht nach hinten. Ein tiefer Luftstrom flüchtet durch eine enge Öffnung durch meine Lippen. Doch kommt mir das so vor, als kenne ich sie schon eine Ewigkeit. Ist das Liebe auf den ersten Blick, wovon einige immer sprechen? Nippe kurz am Milchschaum, die meine Zunge mit samtiger Wärme bedeckt. Kann mich bitte jemand wachküssen? Blicke hinunter auf die Fröhliche Straße. Sie, ein wunderschöner Schmetterling, flattert durch meine Seele hinaus in die Morgendämmerung. Beobachte Blätter, die weit über den Asphalt hinwegfliegen. Gelb. Rot. Violett. Braun. Häuserfassaden. Grau. Die Strasse, stumm und tief im Schlaf versunken. Mein Blick schwenkt ins Innere des Wohnzimmers, streift die Wanduhr. 7:30. Eine flauschige Decke liegt verwuschelt auf der Couch. Angebrannte Kerzen. Gläser mit Rotweinpfützen stehen auf dem Tisch. Neben dem Tischbein entdecke ich ein kleines Salzhäufchen auf dem ockerfarbenden Teppich. Bin ich in romantischen Momenten immer so tolpatschig? Ein kleines Männchen kitzelt mich im Herzen. Wohin ein unglücklicher Zusammenstoß vor einer Woche führen kann? Das Bild vor meinen Augen verschwimmt. Und wache wieder am Mittwoch vor sieben Tagen auf, sehe die Erinnerungen noch glasklar vor mir.

Ich stürme aus dem Hauseingang, direkt in ihre Arme. Eine große Welle von Kaffee schwappt aus ihrem Pappbecher auf ihre Daunenjacke, die dann als ein Wasserfall auf ihre Jeans runtertropft. Ein zähneknirschendes „Sorry“ werfe ich ihr an den Kopf, während sie an sich die braunen Dekoflecken auf Jacke und Hose  begutachtet. „Toll, was mache ich denn jetzt? Ich komme zu spät zur Abschlußprüfung und die Professoren reißen mir den Kopf ab.“, schnaubt sie mich an wie eine wilde Kuh. „Und warum rennst du mit offenen Kaffeebechern durch die Gegend?“,kontere ich. „Und was ist mit mir? Ich verspäte mich zur Eröffnung meines Klamottenladens.“,klimpere mit meinen Schlüsseln wild in der Luft herum. „Willst du so auf deiner Eröffnung erscheinen?“, ihr Blick deutet auf meine Brust. Was starrt die so auf meine errogene Zone? Entdecke ein unübersehbaren Fleck, mittig auf dem Brustbein. Mit einem „Och nö!“ schmeiße ich meinen Kopf zur Seite. Meine Augen drehen sich zu ihr. Dabei zieht sie die Augenbrauen hoch und grinst ganz frech. Für ein Moment macht die Welt eine Notbremsung. Wellen von Wärme aus ihren arktisch-blauen Augen dringen in mein Herz und bringen meine innerlichen Mauern zum Einsturz. „Ja, was machen wir denn da?“, frage ich etwas zögerlich mit zitternder Stimme. Wuschel durch meine Haare, krame in meinem Kopf nach einer Lösung. „Ich hab da schon eine Idee, ich kann die Flecken verschwinden lassen.“, schlug ich vor. Skeptisch sieht sie mich an: „Bist du eine Magierin, oder so etwas?“ Diese Frage überhör ich einfach und fahre fort: „Das Zaubermittel heißt Hose und bei mir nehme ich das Pullover-Rezept. Wohne hier gleich im ersten Stock.“, deute mit einem Kopfnicken nach oben. In meiner Wohnung zieht sie eine von mir entworfene Jeans über. Beobachte sie, wie sie sich im Spiegel betrachtet. Ein knackiger Arsch, so apfelrund, passt wunderbar in die Form der Hose. Und erst die blonden Haare glänzen wie ein poliertes Goldtablett. „So jetzt muss ich mich aber beeilen.“, reisst sie mich aus den Gedanken. „Äh ja! Beeilen, gutes Stichwort. Übrigens steht dir echt gut.“, stammel ich. „Danke!“, lächelt sie zurück. Und sehe dem auf der Potasche aufgenähtem Schmetterling hinterher. Dieses Lächeln, da tanzen ja meine Blutkörperchen wilden Tango.
Wechsel schnell den Pulllover, zupfe meine kinnlangen Haare wieder in ihre ursprüngliche Position. Und folge ihr ins Treppenhaus. „Danke!“ ruft sie mir entgegen, während sie die Treppen runterpoltert. „Kann ich bei einem Kaffee dein Prüfungsergebnis erfahren?“, ich über das Geländer gelehnt, widerhallt es im Treppenhaus. „Ja, gern!“, kommt es als Echo aus dem unterem Bereich zurück. „Und wie erreiche ich dich?“, brülle ich noch hinterher mit voller Erwartung einer viel versprechenden Antwort. Zu spät. Die Tür knallt ins Schloß. Beiße mir sanft auf die Lippen. Meine Hände greifen frustriert in meine Jackentaschen. Und ertasten ein Fremdkörper in Papierform. Ziehe es raus. In blauen Buchstaben lese ich verwundert: „Kaffee ohne Hindernisse möglich?“ – „Ja, und wann bekomme ich die Hose wieder?“, protestiere ich.  „Ruf mich einfach an: Handy-Nr. Cassandra.“ Diese Notiz hat sie wohl schnell geschrieben, als ich noch in meinem Schlafzimmer den Pullover wechselte. Gucke auf die Uhr. „Shit!“ Schnell werfe ich mir eine Jacke über und fahre wie eine Tour-de-France Radrennfahrerin zur Eröffnung. „Sorry, Audrey, war ein Notfall!“, stürme ich mit einem Bimmeln an der Tür in den Laden. Audrey, meine beste Freundin, erinnert mich gerade an diese Frau, mit der ich vor meiner Haustür zusammenstieß. Dieser wilde-Kuh-Blick verfolgt mich. „Was ist passiert, Clara?“, fragt sie besorgt.  Darauf antworte ich nach Luft ringend:„Erzähl ich dir alles später! Jetzt stoßen wir erstmal an.“ Auf der Kassentheke fülle ich mehrere Gläser mit Sekt. Dabei schweifen meine Gedanken aus. Arktisch-blaue Augen, der freche Blick, das zauberhafte Lächeln von ihr geistern mir im Kopf herum. Hat sie mich verzaubert? Ein Schmetterling fängt an, in meiner Seele rumzuflattern. Und stürzt ab. „Vorsicht, Clara!“ höre ich eine etwas schockierte Stimme in meinem Ohr. Und spüre, wie sie die Flasche in meiner Hand nach oben reißt. „Äh..was!“, posaunte ich. Gucke Audrey verblüfft an. Audrey weist auf die Überschwemmung hin, vor paar Sekunden ist ein Glas vor Schreck umgefallen. „Sag mal, bist du deiner Traumfrau begegnet?“, fragt sie mit kichernder Stimme. Mein Herz erstarrt. Kann sie meine Gedanken lesen? Nach Feierabend bei einem Cocktail in der Bar nebenan lauscht Audrey aufmerksam meiner Story von heute Morgen. In ihren Augen sehe ich, wie eine Rose aus ihrem Herzen erblüht. Cassandra, ein Name wie eine harmonische Symphonie. Ich muss sie jetzt anrufen. Mailbox, toll! 6 Tage vergehen und kein Lebenszeichen von ihr. Hat sie doch die Prüfung vermasselt? Und sitzt jetzt in Tränen ertrinkend bei sich Zuhause? Och nö! Oder feiert sie doch ausgelassen ihre bestandene Prüfung mit ihren Freunden? Oh, ja! Gestern morgen im Laden hänge ich neue Kleidungsstücke auf die Stange, mit dem Rücken zur Tür. Meine Hose sehe ich nie wieder. Ein Bimmeln! Spüre, wie jemand mich nähert. Drehe mich um und blicke in Augen, die so strahlen wie blaue Sterne. Cassandra! „Habe bestanden!“, jubelt sie. Und drückt mich unfreiwillig in ihre Arme. Ein Hauch von Waschmittel-Duft ziehe ich mir in die Nase. Nehme wieder Abstand: „Hey, das ist super! Und wie darf ich dich jetzt nennen? Dr. Cassandra?“, meine Neugier brennt auf diese Frage. „Offiziell, bin ich jetzt Astro-Physikerin.“, antwortet sie mit einem Lächeln. „Aha! Das musst du mir mal bei einem Drink näher erzählen. Kenne da eine Bar, gleich nebenan, das Deep Blue Sea.“ Cassandra wundert sich: „Bei dir ist immer alles in der Nähe, was?“ Kratze mich am Kopf und wir beide lachen herzhaft. Nach Ladenschluss im Deep Blue Sea klingt ihre Erfolgsstory von der Prüfung wie eine Poesie meinem Ohren. Sie ist ein Gedicht. Ihre Bewegungen, mal ein tobender Sturm, mal leichte Wellen auf dem Ozean. Ein Meer von im Wind tanzenden Blumen. Streicht mit ihren Fingerspitzen zärtlich über meine Haut. Hat mich gerade ein Blitz getroffen? Von meiner kleinsten Haarspitze bis zum kleinsten Zeh kribbelt es. Der Barmann muss uns freundlich rausschmeissen. Draussen vor der Bartür lachen wir wie zwei Kinder, die jemanden ein Streich gespielt haben. Auf dem Weg zu mir nach Hause schlendern wir durch die schwach beleuchtete Strasse. Cassandra muss in die gleiche Richtung. Ein Glück, genieße zu sehr ihre Nähe. In mir steigt ein Verlangen hoch, sie zu berühren, sie zu spüren. Doch habe ich das Gefühl, ich stehe vor einer hohen Mauer der Angst. Etwas Feuchtes landet auf meiner Nasenspitze. Ein anderes Mal auf der Stirn. Schnell huschen wir lachend durch Millionen von Regentropfen, bis wir wieder vor meiner Haustür Halt machen. Im Licht erkenne ich, wie klitschnass sie ist. „Habe noch genügend Klamotten im Schrank.“, worauf ein Kichern folgte. Im Wohnzimmer will ich gerade ins Schlafzimmer, neue Kleidung für sie besorgen. Da hält sie mich an der Hand fest, meine Füsse klebend am Boden bremsen mich. Langsam drehe ich mich um, ein fordernder Blick erfasst mich. Sekunden später spüre ich ihre weichen Lippen auf meinen. Der Kuss, so sanft und liebevoll. Ein Tsunami von Wärme rauscht durch meine Adern. Höre die Steinwand in meinem Herzen bröckeln. Diese Leichtigkeit. Merke, wie ich vom Boden leicht abhebe. Ich fliege! 

„Hey, mein Morgenstern. Seit wann bist du denn wach?“, rausgerissen aus den Erinnerungen von Gestern, schwappt ein kleiner Schluck Latte auf meine Pyiama-Hose. Entdecke neben mir Cassandra, eingewickelt in einer Bettdecke. Ihre Haare in alle Richtungen verstreut. „Ist das alles ein Traum?“ frage ich sie etwas ungläubig. „Komm´ mit in meine Traumhöhle und ich küsse dich wach!“, und nimmt meine Hand.   

 

 
 
Top! Top!