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Von Pia Brecht
Ich friere nicht. Mir sollte kalt sein. So kalt war es hier schon lange nicht mehr. Der Schnee hat die Straßen mit einem dichten Teppich bedeckt. Er fällt immer noch. Unaufhörlich. Aber tief drinnen ist es zu heiß um mich das Äußerliche, meine belanglose Hülle, wahrnehmen zu lassen.
Ich wünschte, der Weg, den wir gerade zurücklegen, wäre länger. Einfach nur neben dir sein, spät in der Nacht, früh am Morgen. Für immer. Als wir den Taxistand erreichen, brichst du das Schweigen. Früher war das Schweigen mal angenehm gewesen. Bei jemandem still sein können. Nichts sagen müssen und trotzdem wissen, dass man sich viel zu erzählen hat. Heute haben wir uns nichts mehr zu erzählen. Ich möchte alles von dir wissen. Möchte dich fragen, ob du immer noch auf der rechten Seite einschläfst, in der Nacht am Fenster sitzt und die unendlichen Weiten des Himmels betrachtest, den Mond, unseren auserwählten Ort. Ob du deine Augen schließt, wenn ich dich küsse. Dich küssen. Ich könnte es tun. Sofort. Hier im Schnee, in der Nacht. Wie früher. Wenn wir es kaum erwarten konnten, endlich nach Hause zu kommen, und uns schon auf dem Weg dorthin unzählige Male küssten. Im Schutz der Dunkelheit. Du siehst mich an. Ich bilde mir ein, für einen kurzen Moment in dich hineinsehen zu können. Wie früher. Dann ist die Mauer wieder da. Unüberwindbar. Undurchschaubar. Du sagst: „Silvester so ab acht.“ Ich nicke nur. Also umarmst du mich schnell – nicht so wie früher. Am liebsten nicht mehr loslassen; Ich spüre kaum, wie sich deine Arme um mich schließen, sich deine Hände auf meinem Rücken treffen – zu schnell. Du gehst. Bevor du einsteigst drehst du dich um: „Anklingeln, wenn du da bist.“ Ich nicke. „Gute Nacht.“ sage ich und gehe davon, ohne darauf zu warten, dir hinterher sehen zu müssen. Ich gehe durch die Stadt. Ein Umweg. Ich bilde mir ein, ihn zu gehen, weil der kürzere Weg zu dunkel, zu einsam, zu gefährlich ist. Aber ich weiß, dass ich die Zeit brauche um nachzudenken. Mehr Zeit bis zum Anklingeln. Mehr Zeit bis zu der Nachricht, die ich dir schreiben werde, wenn ich im Bett liege. Auf die ich keine Antwort bekommen werde. Es ist dunkel, obwohl der Schnee den Laternenschein verstärkt. Einsam. Nur ein Fahrradfahrer eiert an mir vorbei. Den nehme ich gar nicht richtig wahr. Der Schnee verschluckt alle Geräusche. Ich kann beinahe die Flocken auf den Boden stürzen hören. Mir ist kalt. Ich konnte meine Augen nicht von dir nehmen, hörte meinem Gesprächspartner nur halbherzig zu, weil ich versuchte, deine Worte aufzufangen. Dein Leben. Ich wusste, ich würde nicht mehr als die üblichen Floskeln bekommen, wenn ich dich fragte, wie es dir ginge. Also war ich auf das Wenige angewiesen, was ich erhaschen konnte, was ich hören durfte. Du streichst dein Haar zurück. Blond. Eigentlich bevorzuge ich braun. Deins ist blond. Es ist etwas kürzer als damals. Aber immer noch sind da die Strähnen, die nicht an ihrem Platz bleiben wollen. Du verschwindest in den Nebenraum. Ich lasse mir ein paar Augenblicke Zeit. So viel, dass es nicht so erscheint, als hätte ich jede deiner Bewegungen beobachtet. Dann folge ich. Im Zigarettendunst ist deine Erscheinung geradezu glamourös. Du bietest mir eine Zigarette an. Das hast du früher nie getan. Du wusstest, dass ich das nur brauchte, wenn es mir schlecht ging. Mir geht es nicht gut. Ich nehme an. Ich halte mich an meiner Zigarette fest. An meinem Bier. Du sagst, ich trinke zu viel in letzter Zeit. Wann hast du mich in letzter Zeit gesehen? Wie als hättest du es nicht ernst gemeint, bietest du mir einen Schluck Prossecco an. Du trinkst nicht aus der Flasche. Nicht mehr. Das haben wir früher gemacht. Keine Zeit für Gläser. Alkohol. Er hüllt mich ein, wie in ein weißes, unbeflecktes Tuch. Stille. Ich möchte nichts hören, nichts sehen. Aber du redest und lachst. Die anderen reden und lachen mit dir. Ich ertrinke in den Geräuschen der Geselligkeit. Ertrinke im Lachen und erwische mich dabei, wie ich mitlache. Zu deinem Vorschlag, diese Party zu verlassen und Tanzen zu gehen, sage ich ja. Warum? Ich fühle mich unwohl in einem Raum voller Leute, die einen berühren, deren Hände unter dem Deckmantel der Musik alles nehmen, was sie kriegen können. Aber ich sage ja. Weil du da sein wirst. Du ergreifst meine Hand und ziehst mich zu dir. Ganz nah. Unsere Gesichter nur wenige Millimeter voneinander entfernt. Ich kann deinen ruhigen Atem an meiner Wange spüren. Du lässt mich so nah an dich heran. Ich hatte schon ganz vergessen, wie sich deine Nähe anfühlt. Deine Hand lässt meine Hand nicht gehen. Sie passen gut ineinander. Du hast kleine Hände. Wie oft schon hab ich deine kleinen Hände betrachtet? Jedes Fingerglied geküsst? Ich wünschte, es bliebe immer so wie jetzt gerade. Die Musik ändert sich. Du gehst zur Bar und trinkst aus einem verlassenen Bierglas. Die Jungs, die mit uns da sind, wittern ihre Chance, sind sofort an unserer Seite. Ihre Hände sofort an unseren Hüften. Sie lassen mich versteinern. Erkalten. Du gehst darin auf. Mein Herz schlägt unrhythmisch. Im Takt der Angst, die in mir hoch kriecht. Immer noch. Du weißt das. Wusstest das. Ich entschuldige mich und flüchte zu den Toiletten. Bevor ich verschwinden kann, ist sie wieder da. Deine Hand in meiner Hand. Ich drehe mich um und sehe den besorgten Blick. Du weißt es also noch immer. Ich werde es dir nicht so einfach machen. Werde nicht zusammenbrechen. Du wirst mich nicht auflesen können, weil ich nicht fallen werde. In meinem Kopf schreien tausend Stimmen, aber ich bin ganz still. „Was ist los?“ fragst du, als wir vor den Waschbecken stehen und ich mit meiner freien Hand das kalte Wasser aufdrehe. Ich sehe dich im Spiegel an. Will dir alles an den Kopf werfen, was mein Innerstes schreit. Aber ich werfe dir nur einen Blick zu, der dir bedeuten soll, dass du sehr wohl weißt, was los ist. Du siehst mich an. Durch den Spiegel. In deinen dunklen Augen sehe ich den Kampf, der dahinter tobt. Du willst mich zusammenhalten, beschützen vor den inneren Dämonen. Aber du verstehst nicht, dass es immer noch eine Rolle spielt. Dass ich die Hände, die durch mein Schweigen rein gewaschen sind, immer noch im Kopf habe. Ganz weit hinten im Kopf. Aber nicht begraben. Das kalte Wasser rinnt fast vergessen über meine Hand, die schon ganz taub ist. Genau das brauche ich jetzt. Gefühllosigkeit. Ich halte auch die andere darunter und sage: „Ich mag’s einfach nicht, wenn die Jungs denken, nur weil man mit ihnen auf dem Abschlussball getanzt hat, könnten sie einen als Eigentum betrachten.“ Du nickst. Du weißt, das ist nur die halbe, noch nicht mal die halbe Wahrheit. Du tust mir den Gefallen, zu glauben, es sei alles. „Sag ihm das doch.“ Ich sage nie irgendwas. Das weißt du. Ich verschwinde in einer Kabine um nachzudenken, ohne deine fragenden Blicke. Ich weiß nicht, was ich will. Ich weiß nicht, ob ich will, dass du die zerbrechliche Seite siehst, die du mit deiner Liebe zusammengehalten hast. Damals. Wenn ich es wollte, gehe ich den falschen Weg. Ich mauere mich ein, werde gefühllos und kalt. Um dir nicht zu zeigen, dass ich nicht stärker bin als damals, als ich dich so sehr brauchte. So sehr liebte. Wir tanzen so lange bis alles schmerzt. Ich bin so im Dunst aus Bass, Zigarettenrauch und Kunstnebel eingehüllt, dass es mir fast egal ist, dass du deinen Freund küsst. Mit so viel Ehrlichkeit, dass es mir das Herz herausreißen würde, ließe ich es an mich heran. Mein Herz tut mir keinen Gefallen und schmerzt so stark; Deine kleine, kalte Hand schließt sich darum und erdrückt es. Nimmt mir die Kraft zum Atmen. Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf nichts. Nichts außer dem Nebel. Nebel. Bass. Der Bass dröhnt in meinem Bauch. Die Hände. Aber ich schließe alles aus. Alle Angst, die Bilder von dem festen Griff um meine Kehle. Ich bin stark. Nur jetzt. Als ich die Augen öffne, bist du wieder bei mir. Dein Freund ist nach Hause gegangen. Also bist du wieder da. Ganz nah. Deine Lippen berühren ganz kurz meine Schulter und formen sich dann zu einem Lächeln. Ich kann nicht anders, ich muss auch lächeln. Wir lassen uns fallen. Die Musik fängt uns auf, und obwohl wir müde sind, denkt keine von uns ans nach Hause gehen. Nicht jetzt. Es ist schon spät. Draußen ist Winter. Stille. Meine Ohren fühlen sich taub an. „Setzt du dich noch einen Moment mit mir hin?“ fragst du, steuerst auf eine Stufe zu. Bevor ich antworten kann, setzt du dich. Kramst deine Zigaretten heraus. Du bietest mir eine an, ich lehne ab. Mir geht es gut. Solange du rauchst, sind wir ganz still. Dann sagst du: „Ich glaube, ich nehm ein Taxi.“ Mir ist kalt. |