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Schafe auf Sylt Drucken E-Mail
Geschrieben von Petra Otte   
Dienstag, 31. Juli 2007

Lesben-AwardVon Petra Otte

Sommer, Sonne, Strand – Sylt! Sylt, wie ein Zauberwort klingt es. Gegen den Wind, 30 km Strand und immer Wellen und Wasser mit Ebbe und Flut. Das Watt liegt auf der Rückseite der Insel nach Osten hin. Hier im Westen am Roten Kliff gibt es Nordsee pur.

13. Mai, 
Hi meine liebe Schwester,
„Hurra, es hat geklappt! Ich habe eine Stelle auf Sylt, für die diesjährige Sommersaison. Ich bin im ersten Haus am Platz, Cafe Orth in Westerland, Friedrichstraße, das ist d i e Straße hier, für Kampen haben meine Zeugnisse noch nicht gereicht, aber sicher im nächsten Jahr, wenn es hier gut läuft. Ich hoffe, die Sonne scheint bis zum Oktober ohne Unterbrechung und spült viele Touristen an unseren „Kaffeestrand“, auf dass die Kasse klingelt ….“

Ankunft am 14. Mai, Vorstellung im Cafe, Unterbringung in einem Personalzimmer etwas außerhalb von Westerland, bei einer Familie, die Zimmer vermietet. In der Saison vermieten hier alle. „Sie teilen sich das Zimmer mit einer anderen Saisonservierkraft, Frau Steininger aus Wien, die ist gestern angereist und bereits in der Unterkunft. Wir sehen uns dann mor-gen früh um 8:00 Uhr zum Dienstbeginn. Ihre Kleidung in schwarz-weiß haben sie ja sicherlich dabei, wir stellen keine, auch keine Schürzen.“ So lautet die knappe Einweisung der Chefin.  Es folgt ein langer Spaziergang bis zur Unterkunft, aber es ist egal, alles wird aufgenommen, weil es neu und unbekannt ist. Das ist jetzt meine Welt für die nächsten vier Monate. Wenn die Saison gut läuft bis zum 15. Oktober, so lange ist voraussichtlich das Café geöffnet.

15. Juni,
Hier meldet sich deine Schwester,
„Die Saison hat ganz gut begonnen, ich hatte noch keinen Tag frei, weil immer gutes Wetter war und genug zu tun. Anna heißt die Kollegin, mit der ich Arbeit, Zimmer und das Dasein als Saisonkraft teile. Wir verstehen uns gut, besonders abends, wenn wir auf dem Heimweg sind. Statt die Heckenrosen zu zählen, lästern wir über die Gäste und Kollegen. Micha, ein Bekannter von ihr, hat noch etwas Dope, und so sitzen wir manchmal am Strand und rauchen ein Pfeifchen -  bei hinter den Wolken untergehender Sonne….“

Wir arbeiten von 8:00 bis ca. 20:00 Uhr. Dörthe, die festangestellte Serviererin teilt die Arbeitsstationen ein, sie hat immer die beste Ecke auf der Terrasse, außer bei bewölktem Himmel, dann ist sie nur im Innenbereich. Ansonsten haben wir die Außenkanten der Ter-rasse oder den Innenbereich, auf alle Fälle sind wir morgens für das Eindecken und das Auffüllen der Zucker-, Salz- und Pfefferstreuer zuständig. Die Kosten für das Zimmer und Essen werden gleich vom Lohn abgezogen. Wir erhalten 10% vom Umsatz, wie viel sind 10% von 3,75 für eine Latte Macciatto? Wie viele Schritte laufe ich, bis ich 200,-- €  Umsatz zusammen habe? Schaffe ich das in einer Stunde? Freie Tage gibt es bei Regenwetter. Schaffe ich dann noch meinen Monatsumsatz? Ich habe 8.000,-- € Schulden. Ich brauche soviel Geld wie möglich. Nichts kaufen, nicht ausgehen, nicht an den Hauptstrand gehen, wegen der Kurtaxe, nur abends spät an den Hundestrand.

03. Juli,
Meine liebe Schwester,
„Es war so toll mit dir gestern zu telefonieren und deine Stimme zu hören, einfach mal mit jemandem sprechen, die ich kenne und die mich kennt. Heute war wieder so ein „Quältag“: Wolken ziehen auf, Polster reinholen und Terrasse abdecken, Wolken verziehen sich, Pol-ster raus und Terrasse aufdecken, Wolken ziehen auf …. Wolken ziehen ab …, so ist es nun mal an der Küste, dass die Wolken sich bewegen, niemand kann etwas für das Wetter, aber warum müssen Anna und ich darunter leiden? Mein Entschluss steht fest, ich will das Abitur nachholen und studieren. Wenn die Saison vorbei ist, bewerbe ich mich bei allen Abendschulen, die es gibt. Es muss anders werden, ich will nicht die nächsten 40 Jahre als Serviererin Terrassen auf- und abdecken…..

Hier auf Sylt gibt es außer den Touristen und Heckenrosen reichlich Schafe. Schafe haben es gut, die brauchen sich nicht um Gäste, Geld und Geliebte, um Verluste und seelische Un-tergänge zu scheren. Sie werden geschoren von ihrem Schäfer, aber das wissen sie vorher ja nicht, und hinterher fühlen sie sich vielleicht wohler und sind zufrieden. Wenn sie über-haupt Empfindungen dazu haben. Haben Schafe Empfindungen, außer Hunger vielleicht? Ich wollte ich wäre ein Schaf, dann müsste ich nicht soviel weinen. Mein Traum ist geplatzt.
Der Traum hieß „Camicie e Café“, war eine Boutique mit Espressobar. Die Miete war gün-stig, die Lage gut, mitten im studentischen Wohnumfeld. Wer ahnt denn, dass ausgerechnet vor unserer Espressobar die Straße aufgerissen und die Gasleitung erneuert wird. Drei Mo-nate benötigten sie dafür. Drei Monate, in denen sich die Kundschaft fast ausschließlich aus Freunden und Bekannten zusammensetzte. Zum Traum gehörte auch Lisa, mit den glän-zenden braunen Augen mit kleinen goldenen Pünktchen drin. Sie zauberte die Hemden, Blu-sen und Kleider auf ihrer Nähmaschine. Jetzt sitzt sie mit den Kleiderkisten an der Adria und bezaubert Roberto oder Rosario oder wie die auch immer heißen mögen. Mir blieben der Liebeskummer, die Mietschulden und die Erfahrung, wie ich bei einer Auktion Geschirr, Mobiliar und einen Leasingvertrag für eine Espressomaschine loswerde. Ich sitze hier auf Sylt und kann mich noch nicht einmal in Schafwolle kuscheln, da diese Tiere so scheu sind und immer weglaufen.

25. Juli,
Hallo mein Schwesterchen,
„Ich muss dir schreiben!! Ich würde es dir gerne erzählen, habe probiert, dich ans Telefon zu bekommen, ohne Erfolg. Stell dir vor, ich schwebe auf Wolke 7! Vorgestern war hier ein Rockkonzert und wir sind im Pulk hingegangen, Anna, Micha, noch zwei Österreicherinnen und ich. Endlich mal was los hier, was nicht Kurkonzert heißt oder nur für Porschefahrer ist. Wir haben unser Trinkgeld zusammengelegt, noch etwas Dope besorgt, du weißt doch, ge-treu unserem Saisonmotto: there is no hope without dope! Wir waren so gut drauf, das Kon-zert war auch wirklich klasse und wir haben laut mitgesungen, Feuerzeuge geschwenkt und getanzt, da ist es passiert! Anna hat mich umarmt und geküsst! Sie hat mich richtig auf den Mund geküsst! Oh ich bin so glücklich…..“

Ich bin wohl doch zum Schaf geworden. Gestern noch der Untergang und heute auf Wolke 7, was soll das? Bin ich wirklich so labil, wie meine Mutter behauptet, und so leicht zu beeinflussen? Schauen mich braune Augen nur lange genug an und nimmt sie meine Hand und tanzt mit mir, ganz leicht drückt sich dabei ihr Becken oder ihr Hüftknochen an mein Becken, dann denke ich nicht mehr, habe nur Wärme im Bauch, die sich sofort in alle Richtungen ausbreitet. Dazu die Musik „Sie will Liebe, Liebe, Liebe ohne Ende. Sie war so schön wie Blumen aus Eis“. Ganz leise hat sie mitgesungen, mich vorsichtig geküsst und dann immer mehr, länger und heftiger. Nein, es war nicht nur, weil wir bekifft waren, am nächsten Tag haben wir uns ja auch geküsst, als wir nüchtern waren sozusagen. Oh, ich löse mich auf und schmelze. Wenn ich nur an diese Augen denke, dann kann ich die Wärme fast wie Atmen durch meine Lunge hinunter in meinen Bauch einziehen und dort lassen.

28. August,
Meine liebe und einzige Schwester,
„Was habe ich nur angefangen, was soll nur aus mir werden? Ich weiß, du kannst keine Antwort geben, aber ich muss es doch jemandem erzählen. Anna hört zum 15. September auf, für sie ist die Saison dann zu Ende. Im Oktober will sie zurück in Wien sein, dann fängt die Universität wieder an. Oh, ich sterbe, ich will nicht sein ohne sie, ich will jetzt auch nach Wien. Soll ich dort als Serviererin arbeiten? Aber dort kann ich mein Abitur nicht nachholen, zumindest nicht so einfach wie hier in Deutschland, ohne größeren bürokratischen Aufwand und sogar BAföG gefördert. Du merkst schon; Fragen über Fragen und kaum eine Lösung in Sicht…..“

Winter, Wolken, Wien – Stadt der Kaffeehäuser, Stadt des Kaffees überhaupt. Diese Stadt  ist doch ein Traum für eine Serviererin. Anna hatte von dem Filmprojekt über die Nordstadt erzählt. Was Anna nicht erzählt hatte, war, dass sie mit der Videokünstlerin mehr gemeinsam hat als nur das Filmprojekt, ein großes Bett und die Wohnung drumherum.

 

 
 
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