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Samstag, 10. Mai 2008
 
 
Schwertlilien, zart wie Florette Drucken E-Mail
Geschrieben von Martina-Marie Liertz   
Dienstag, 31. Juli 2007

Lesben-AwardVon Martina-Marie Liertz

Hilke wohnte im Süden der Stadt in der Nähe des Flughafens, Lina hingegen im Norden, wo die Bürgervillen die Arbeiterviertel ablösten. Beide hatten sie ohne Wissen der anderen an jenen alten Brauch gedacht:

„Wenn ein Mädchen, eine unverheiratete Frau zur Mittsommernacht von neun verschiedenen Wiesen neun besondere Kräuter und Blumen sammelt und sie unter das Kopfkissen legt, so wird sie in der folgenden Nacht von der Person träumen, die ihr das Herzallerliebste wird und die sie heiratet. So sagen sie es in Skandinavien seit mehr als tausend Jahren.“

Hilke und Lina liebten beide die leichten Sommernächte, wenn der Horizont hell blieb und die Erdkugel auf Licht zu schwimmen schien.
Nun ist es in der Großstadt schwierig, neun verschiedene Wiesen zu finden, gar noch mit Kräutern und Blumen darauf. Sie mussten also improvisieren. Hilke dachte an Parks und öffentliche Gärten und an Ausflüge mit der Regionalbahn, Lina hatte eher Schrebergärten, Wildblumenbeete und die liebevoll bepflanzten Grünsteifen vor Kindergärten im Sinn. Und beide zogen Apotheken und Drogeriemärkte in Erwägung als mondänen Ersatz. Denn sie waren modern.
Johanniskraut war einfach, Hilke kaufte es im Kräuterladen, orangefarben-bräunliche  Blütenflusen, Lina kramte die  Kapseln von der letzten Winterdepression heraus. Dazu suchte sie im Internet nach geeigneten Bildern zur Illustration. Johanniskraut, für Beruhigung und Schutz.
Kamille hatte Lina in Beuteln im Küchenschrank, Hilke klaute sie aus dem Beet eines Kinderbauernhofes. Hilke besaß auch ein Heilkräuter- Buch. „Kamille soll Frieden, Harmonie, Liebe, Schlaf und Reinigung bringen“, stand darin. Hilke beschloss, das Buch in der Mitsommernacht mit ins Bett zu nehmen.
Die nächsten drei Pflanzen waren auch nicht schwer zu beschaffen: Lavendel für Reinigungszauber, Basilikum gegen böse Geister und Salbei für Schönheit und langes Leben. Beide hatten sie sie im Balkonkasten oder am Küchenfenster. Auf einem Kinderbauernhof und in der benachbarten Gartenkolonie fanden sie Margeriten für die seherischen Fähigkeiten. Für den Holunder, zuständig für Frieden und Glück, kaufte Hilke Bonbons, Lina wusste von einem verwilderten Park mit Holunderbüschen.
Die beiden letzten Kräuter waren für beide allerdings eine Herausforderung: Beifuß, der die Fähigkeit des Hellsehens steigert und zudem, ins Sonnwendfeuer gestreut, eine violette Flamme erzeugt, über die ein Paar springen kann, ohne sich zu verbrennen. Wo Beifuß wächst in der großen Stadt wussten sie beide nicht. Doch sie fanden ihn schließlich, Hilke fuhr an den Stadtrand fand ihn an einem Ackerrain, Lina an einem Flüsschen, das sich wildromantisch durch die Stadt schlängelte.
Nun fehlte als einzige die Schwertlilie: Die Blume, die die Kraft aller anderen Pflanzen bündelt und die Liebe herbeizaubert.
Die Schwertlilie also brachte die beiden zusammen. Denn beide dachten daran, dass Schwertlilien unter Naturschutz stehen, und dachten einen Gedanken weiter an den Botanischen Garten. Dort nun begegneten sie sich, standen einander am Beet gegenüber, beide mit Schirm ausgerüstet, denn es regnete. Eine jede auf ihrer Seite bestaunte die wunderbaren langstieligen Blumen, die im Norden genau zur Mittsommernacht blühten, hier in der Stadt nur mehr im Schutz des Gartens. Ahnten die Absicht der anderen, belauerten einander versteckt. Hilke hantierte beflissen mit ihrer Lesebrille und interessierte sich für die Schildchen, die Gattung und Herkunft der Pflanzen verrieten. Lina interessierte sich mehr für die eindrucksvolle Architektur der großen Gewächshäuser. Zwischen den beiden wuchsen zwei Schwertlilien. Hilke konnte bald den Text aller Schildchen auswendig, denn sie hatte schon immer ein gutes Gedächtnis gehabt. Lina brachte innerhalb kürzester Zeit ein halbes Architekturstudium hinter sich.
Und plötzlich, als sie sich beide zur gleichen Zeit von ihren Studien losrissen, fehlte eine der Schwertlilien. Da sahen sie einander ins Gesicht und beide blickten in unergründliche Augen. Weil also das prüfende Starren nichts nützte, wandte sich diesmal Hilke den Gewächshäusern zu, während Lina ihre botanischen Kenntnisse erweiterte. Und als sie das nächste Mal auf das Beet sahen, war auch die zweite Schwertlilie verschwunden. Da nickten sie einander schnell und unverbindlich zu und machten sich aus dem Staub.
Die nächste Nacht schon war Mittsommer. Eine jede ging mit ihren Kräutern unterm Kopfkissen ins Bett und beide schliefen schlecht. Hilke drückte das dicke Buch im Genick und Lina erwachte davon, dass sich der Teebeutel um ihr Ohr gewickelt hatte. Die Bonbons klebten an Hilkes nackter Schulter und Linas Kapseln kullerten immerzu aus dem Bett. Außerdem stimmte etwas nicht mit dem Träumen. Beide träumten dasselbe, aber das wussten sie ja nicht, das war nicht der Punkt. Das Entscheidende war, dass in dem Traum keine lächelnden liebe- und lustvollen Herzallerliebsten auftauchten. Beide träumten, wie sie im botanischen Garten mitten im Schwertlilienbeet standen, eine jede im Ausfallschritt, eine jede mit einer Schwertlilie in der Hand und miteinander die Blumen wie Klingen kreuzten. Sich ansahen kampflustig, streitbar und doch, ja irgendwie lustvoll. Und dass die Schwertlilien gar keine Blumen waren, sondern Florette, elastisch und fein, so dass es wie Glockenklang tönte, wenn die Klingen einander berührten.
Beide wachten verwirrt auf. So waren die Träume nicht geplant gewesen. Sie hatten sich Blütenregen vorgestellt, knisternde Flammen vor dem Nachthorizont. Und dann die Umrisse jener Person, die aus dem Gegenlicht auf sie zutrat und von da an die Ersehnte, Gesuchte, die Richtige war.
Was war Seltsames geschehen bei den Schwertlilien, dass sie von Handwaffen träumten?
Verstört, enttäuscht, sehr beunruhigt machte sich jede ein zweites Mal auf zum Botanischen Garten, es regnete immer noch.
Hilke ging den Hauptweg entlang, trat zwischen den Bäumen hindurch auf das Beet zu, Lina überquerte die Wiese und umrundete den Steingarten. So prallten sie am Schwertlilienbeet aufeinander, hätten fast die Schirme gekreuzt, besannen sich rechtzeitig.
Sie waren einander ja nur im Traum begegnet. Hatten bis jetzt nur Blicke gewechselt, und doch wusste jede von der anderen ein bedeutungsvolles Geheimnis.
„Sie haben hier gestern eine Schwertlilie gestohlen,“ sagte Hilke. „Als ich nicht hinsah!“
„Sie aber auch“, antwortete Lina“, als ich die Gewächshausarchitektur studierte.“
„Ich habe von Ihnen geträumt“. sagte Hilke verlegen.
„Mit einer Schwertlilie in der Hand, die ein Florett war? Hier am Beet? Wir haben gekämpft!“ Lina versagte die Stimme.
„Ja, aber es war nur zum Spaß!“ Hilke lächelte.
„Haben Sie auch den hellen Glockenton bemerkt, wenn die Lilienschwerter einander berührten? Es klang wie Glas.“
„Wir haben das Gleiche geträumt!“
„Nicht das Gleiche, dasselbe sogar!
„Es sollte ein Mittsommernachtstraum sein, mit neun Kräutern unter dem Kissen!“
„Ja, mit neun Kräutern, um von der Liebe zu träumen.“
„So wie in Schweden.“
„Und die Schwerlilie zaubert die Liebe herbei.“
„Eine streitbare Liebe!“
„Aber ganz zart!“
„Dann war der Traum eben doch eine Weissagung und nicht nur ein Angsttraum.“
„Wahrscheinlich sagte er die Zukunft voraus.“
„Ich heiße Hilke.“
„Und ich Lina.“
Sie gaben einander über das Beet hinweg die Hand. Dann ließen sie die Schirme fallen, ergriffen die andere Hand, beide waren ergriffen.
„Lina!“ sagte Hilke
„Hilke!“ sagte Lina.
Jede tat einen Schritt nach vorn. Mitten hinein in die schwarze, nasse Erde, umarmten einander, heftig und innig wie nur Liebende es tun.
„Hilke!“ sagte Lina und „Lina!“ sagte Hilke, dann gingen die beiden alten Damen davon, hinein in die Zukunft.
Ihre Schirme ließen sie liegen, der Zephirwind hatte die Wolken vertrieben.

 

 
 
Top! Top!