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Montag, 12. Mai 2008
 
 
Therapie Drucken E-Mail
Geschrieben von Susann Lück   
Dienstag, 31. Juli 2007

Lesben-AwardVon Susanne Lück

„Sie sind so eine Gesprächstherapeutin, nicht wahr? Einfach nur so Gerede, und das soll helfen – na, wer’s mag … Nicht, dass Sie mich falsch verstehen, Sie sind bestimmt ganz prima in Ihrem Job, aber ich brauche wirklich keine Therapie.

Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben – Ich hab nur dem Herrn Doktor schwören müssen, bei Ihnen vorzusprechen … war ja gar nicht so einfach, einen Termin zu kriegen, Sie machen sich ordentlich rar, was?
Eigentlich hab ich ja nur so schlimme Beschwerden mit den Nebenhöhlen, und die werden seit Jahren nicht besser („die Nase gestrichen voll“, hat der Herr Doktor gesagt, also das fand ich dann ja doch ein bisschen gewöhnlich …) Aber es ist schon sehr lästig, auch die ewigen Einschlafstörungen … Wenn ich meine Medikamente nicht bekomme, kann ich gar nicht arbeiten, und das darf natürlich nicht sein. Ich kann meine Stellung in der Firma nicht kompromittieren, da muss ich immer präsent sein. Krankfeiern kommt da nicht in Frage. Deshalb bin ich hier. Wenn ich nicht zu Ihnen gehe, verschreibt er mir meine Tabletten nicht mehr, sagt der Herr Doktor.
Also, hier bin ich, Sie haben das hoffentlich irgendwo schriftlich, ja? Wissen Sie, ich kann auch gar nicht lange bleiben, ich habe gleich noch einen wichtigen Termin. Mein Verlobter hat mich hergefahren, er ist Musiker (Violinist im Philharmonieorchester) und hat tagsüber für so etwas Zeit. Ich bin sehr zufrieden mit ihm, er sieht gut aus und kleidet sich immer sehr schick … und er kocht auch gern. Ich denke, ich mag es wohl auch einfach, ein wenig umsorgt zu werden, zur Abwechslung, sonst muss ich ja immer alle Entscheidungen treffen. Er ist nur schrecklich sensibel … ein echtes Seelchen, wissen Sie. Ein Mann, der heimlich im Kino weint, ist das nicht süß? „Die Brücken am Fluss“, kennen Sie das? Meryl Streep, große Liebe, aber zu spät, Drama, Drama …Ach Gott, mein Geschmack ist das ja nicht.
Ich gebe auch zu, die große Liebe auf den ersten Blick war es nicht gerade bei ihm und mir, das darf man aber doch auch nicht erwarten, schon gar nicht mehr in meinem Alter, Sie sind da sicher meiner Meinung … Aber er mag mich und respektiert mich, das ist doch schon mehr, als viele andere haben, sag ich immer. Er ist ein bisschen schüchtern und hat jahrelang mit seinem Zimmergenossen zusammengelebt, da reden die Leute immer gleich Gott weiß was. Das macht mich ganz wütend, wissen Sie, als ob man da gleich homosexuell sein müsste. Manche Menschen fühlen sich eben auch zu Frauen hingezogen … oder eben zu Männern, meine ich. Sie müssten das doch wissen, das hat doch, glaube ich, Freud schon gesagt, dass alle Menschen grundsätzlich ein bisschen bi … Nein? Jedenfalls ich bin nicht andersrum, nur weil ich schon mal die eine oder andere Freundin attraktiv gefunden habe, das ist ja lächerlich, in jungen Jahren experimentieren wir doch alle gern. Sie erleben das bestimmt andauernd bei Ihren Patientinnen. Nein, nein, solche Träume sind ganz normal, da kann mir keine dieser unweiblichen Kurzhaarlesben mit ihren Gesundheitsschuhen etwas weis machen. Oh, Sie notieren da schon etwas; ach Entschuldigung, ich meinte jetzt nicht Ihren Schnitt, der ist ganz zauberhaft, sehr kleidsam.
Also, abhängig bin ich von den Tabletten nicht, falls Sie das denken, das auf keinen Fall. Ich könnte auch sehr gut ohne auskommen, wenn ich nur nicht immer für die Arbeit fit sein müsste. Mit dem Rauchen müsste ich natürlich aufhören, ich weiß, aber es ist halt gut für die Nerven. Irgendetwas braucht man doch, oder etwa nicht? Ich meine, ich war mal in so einem „Queer Café“ – also rein beruflich, da habe ich mich einmal mit Kollegen getroffen! Da saßen dann jede Menge dieser schlicht gekleideten Frauen bei ihren vegetarischen Häppchen, und mindestens die Hälfte von denen hat auch geraucht … glauben Sie vielleicht, die waren entspannter als ich? Kam mir nicht so vor. Und man vergibt sich ja doch einiges an Chancen, wenn man so fernab vom Rest der Welt in der gesellschaftlichen Randzone lebt, meinen Sie nicht? Stelle ich mir sehr schwer vor, die tun mir richtig leid.
Aber das brauchen Sie nun wirklich nicht aufzuschreiben, das ist ja auch ganz egal. Jedenfalls will Philipp mich jetzt heiraten. Das ist es, was für mich zählt. Wir sind sehr kompatibel, und ich bin ohnehin so selten zu Hause, dass wir uns gar nicht erst auf die Nerven gehen können!
Sie können sich gar nicht vorstellen, wie erleichtert meine Eltern sind, die hatten mich schon fast aufgegeben, meine Mutter liegt mir schon jahrelang damit in den Ohren, wer nun wieder geheiratet hat und das wievielte Kind … Sie wollen natürlich auch Enkelkinder, aber das können sie sich abschminken, das hab ich ihnen auch schon gesagt, das kann ich gar nicht, ewig hinter Laufnasen und klebrigen Händen herrennen, einfach unmöglich! Wir heiraten im Mai, eine klassische Frühjahrshochzeit, wie sich das gehört, und dann hab ich endlich Ruhe. Dann wird alles besser.
Aber ich rede und rede, und dabei läuft die Zeit davon … Also, auf Wiedersehen, und machen Sie keine Umstände. Nein, also, Sie Ihr Terminbüchlein brauchen Sie gar nicht erst aufzuschlagen, … ich komme ganz gewiss nicht wieder, ich habe auch gar keine Zeit dafür; die nächste Präsentation wartet schon. Sie sagen doch dem Herrn Doktor, dass ich hier war? Bleiben Sie ruhig einfach sitzen. Ich bin schon weg …“
Die Tür fiel hinter der hoch gewachsenen, gepflegten Erscheinung ins Schloss, und ich legte Stift und Terminbuch wieder beiseite.

 

 
 
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